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28.03.2017 22:00

Das Sprachwunder Emil Krebs

Mittwoch, März 29, 2017 - 00:00
Emil Krebs war ein Sprachgenie: 68 Sprachen beherrschte der Mitarbeiter des Auswärtigen Amts. Zu seinem 150. Geburtstag würdigt ein neues Buch das Ausnahmetalent.

Deutschland. Einmal schenkte er seiner Frau einen Band persischer Lyrik, die er ihr in Latein vortrug – obwohl sie weder das eine noch das andere beherrschte. Trotzdem war er leicht zu verstehen: Es war seine Art Liebe zu zeigen, indem er zusammenbrachte, was ihm leidenschaftlich am Herzen lag. Seine Gattin Amende und Sprachen. 68 soll Emil Krebs bis zu seinem Tod beherrscht haben, mit insgesamt 111 Sprachen und Dialekten soll er sich befasst haben, so berichtet sein Großneffe Eckhard Hoffmann.  Am 15. November jährt zum 150. Mal der Geburtstag dieses Ausnahmetalents. Der gebürtige Schlesier, der immer mit einem Buch in der Hand herumlief, um stets leise murmelnd wieder eine neue Sprache zu lernen, war aber nicht nur ein Wunder an Merkfähigkeit. Dem „Kurier des Geistes“ (Peter Hahn) gebührt auch ein eigenes Kapitel in der deutschen Diplomatie-Geschichte. Denn er war immer bestrebt‚ nicht nur die Sprache fremder Völker, „sondern auch ihr Wesen aus der geschichtlichen Vergangenheit heraus zu verstehen“, so Eckhard Hoffmann, der seit Jahren über seinen Vorfahren forscht und Mitte April 2017 eine spannende Monografie über dessen Leben veröffentlicht („Emil Krebs – Ein Sprachgenie im Dienste der Diplomatie“, Harrassowitz).

Emil KrebsEmil Krebs

Zwölf Sprachen bis zum Abitur

Dieses Wesen einer Kultur aus dem Original auch in die Übersetzung zu retten und es so zum unverzichtbaren Instrument von Völkerverständigung zu machen, war der Motor der beruflichen Laufbahn von Emil Krebs. Sie ist umso bemerkenswerter, weil sie in äußerst bescheidenen Verhältnissen begann. 1867 in Niederschlesien als erstes von zehn Kindern eines Zimmermeisters geboren, besuchte Emil Krebs zunächst die jahrgangsübergreifende Dorfschule. Mit neun Jahren fällt ihm ein Deutsch-Französisch-Wörterbuch in die Hand. Er lernt die Vokabeln und präsentierte dem Lehrer stolz seine Kenntnisse – allerdings ohne die Aussprache zu kennen. Trotzdem wird sein Sprachtalent sofort erkannt. Bis zum Abitur 1887 beherrscht Emil Krebs zwölf Sprachen, acht davon hat er sich im Selbststudium beigebracht. Am Seminar für orientalische Sprachen und Kulturen absolviert er schließlich neben seinem Jurastudium noch ein Studium östlicher Sprachen und Kulturen, um seinem Traumziel China näher zu kommen. 1893 entsendet ihn das deutsche Auswärtigen Amt endlich als Dolmetscher in das Reich der Mitte.

Vollendete Beherrschung

Fast ein Vierteljahrhundert wird Krebs dort bleiben, wird wichtige politische Prozesse begleiten, zum Legationsrat befördert werden und für sein Land engste diplomatische Verbindungen knüpfen. Auch zur Kaiserinwitwe, die ihn als Gesprächspartner schätzt. Selbst von chinesischen Autoritäten sei er in „grammatischen Fragen zu Rate gezogen“ worden, erinnerte sich Werner Otto von Hentig, ab 1911 Attaché in Peking, in seiner 1962 erschienen Biografie. Krebs habe die Sprachen nicht einfach nur beherrscht, schreibt er, sondern sie so vollendet gesprochen, „dass der einzige Italiener Pekings, dessentwegen, so schien es, mich jedes Mal bat, ich möchte den Dottore Krebs zu einem freien Haarschnitt in seinen Salon einladen, um sein Toskanisch genießen zu können“. Als Krebs China nach Eintritt des Landes in den Ersten Weltkrieg verlassen muss, arbeitet er weiter in Berlin für das Auswärtige Amt. Dort heißt es bald, „er ersetzt uns 30 Außenmitarbeiter“. Im Sprachendienst des Ministeriums wird er bis zu seinem Tod amtliche Texte aus über 40  Sprachen übersetzen. Und er lernt immer weiter. Um sein enormes Pensum zu bewältigen, arbeitet er manchmal bis drei Uhr nachts. Krebs stirbt am 31. März 1930 an einem Gehirnschlag. Während einer Übersetzung.

Zu seinem 150. Geburtstag würdigt 2017 auch das heutige Świdnica in Polen, wo Emil Krebs  zur Schule ging, das Sprachgenie mit mehreren Veranstaltungen. Darunter ein Symposium zum Stand der Emil-Krebs-Forschung sowie eine Ausstellung der Bildergeschichte von Melinda Kovacs-Mosbacher über Krebs Jugend und erste Schritte im Diplomatischen Dienst.

Mehr über Emil Krebs (auf Deutsch)

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